Im Tal der drei Kiefern

Blickt der Wanderer von der Hoschkau, einer Höhe zwischen den Orten Gütterlitz, Braunsdorf und Triptis nach Norden, sieht er vor sich die nordwestlichen Ausläufer des Braunsdorfer Holzes. Dort, zwischen mit Birken gesprenkelten Fichtenbeständen und Resten alter Eichenhaine, befindet sich das Quellgebiet der Orla. Ein aufgestellter Stein an einem Rinnsal weist auf die Quelle hin. Genau lässt sich der Ursprung des Flusses nicht bestimmen. Es sind viele verstreute Hervorquellungen in diesem Waldzipfel, die, sich im sumpfigen Untergrund vereinigend, die Quelle bilden. Schnell prosperiert das Rinnsal, gespeist von den Nebenquellen, zu einem kleinen Bach. Schließlich schlängelt sich die junge Orla aus dem Wald, fädelt einige Teiche wie Perlen auf und verschwindet im Triptiser Stausee. Gestärkt und gezähmt verlässt sie den See am Auslauf der Staumauer und fließt unbemerkt von den Gästen am örtlichen Freibad entlang, bevor sie sich durch dunkle Betonröhren, die Stadt unterquerend, zwängen muss. Am Rande der alten Geraer Straße darf sie endlich wieder in ein lichtes Bett strömen. Sie sammelt sich noch einmal im Stadtteich, kitzelt die Bäuche der Enten und nimmt anschließend als stattlicher Bach den Weg durch die Orlasenke.

Lassen wir, o geneigter Leser, die Orla dahin fließen, und möge sie sich an ihrem Ende in die Saale ergeußen, ihr Ende wird das nicht sein. Wird sie doch ständig im Braunsdorfer Holz wiedergeboren. Das Ende der Orla naht erst dann, wenn die Quelle versiegt. Doch das soll uns jetzt nicht bekümmern, lenken wir unsere Blicke vielmehr auf die bewaldeten Höhen, welche die Senke flankieren. In der Tiefe dieser Wälder verbirgt sich das Tal der drei Kiefern. Genau genommen ist es eher eine Lichtung in einer Bodensenke, denn ein Tal. Dennoch ist die Gegend dermaßen zerklüftet und unzugänglich, dass nur Pfadfinder, die es nicht mehr gibt, oder betrunkene Jäger den Weg in das Tal finden. Vor nicht allzulanger Zeit spielte sich hier eine kleine Tragödie ab.

Der alte Weißleder, ein illegaler Bierbrauer aus Schmieritz, stapfte den Moosbach, einer der beiden verborgenen Zugänge in das Tal, hinauf, um Bilsenkraut für sein nächstes Gebräu zu sammeln. Als er die Waldesblöße mit den drei Kiefern betrat, stieg die Morgensonne hinter ihm über die Wipfel und ließ die Senke in goldgrünem Glanz erstrahlen. Am anderen Ende der Lichtung saß seit dunkler Morgenstunde der zittrige Delmar, ein illegaler Jäger, ebenfalls aus Schmieritz stammend, auf Anstand und wartete auf Wild. Zur Verpflegung hatte er sich einen Krug Bilsenbier, welches er vorigen Tages vom Weißleder unter der Hand erstanden hatte, mitgebracht.

Der Krug war geleert und das Tal war wie ausgestorben. Kein Wild. Nur der Gesang der Vögel hallte durch den Wald und übertönte Delmars Schnarchen, wenn er ab und zu auf seinem Anstand einschlief. Das ausbleibende Jägerglück focht Delmar nicht an, er genoss das sanfte Rauschen, welches seinen Schädel durchströmte. Plötzlich sah er am gegenüberliegenden Waldesrand die Zweige einiger Sträucher wackeln. Etwas bewegte sich auf die Lichtung zu. Delmar legte schwankend an und feuerte einen Schuss in Richtung der vermeintlichen Beute ab. Das Projektil traf Weißleders Hut und fegte diesen von seinem Scheitel. Darob war er so erschrocken, dass er vornüber in den Moosbach fiel, mit dem Kopf an einen Stein schlug und bewußtlos in dem Rinnsal ertrank. Delmar, freudig erregt ob des prächtigen Stückes Wild, welches er glaubte erlegt zu haben, begann rasch vom Anstand abzusteigen. Doch er verfehlte im Rausch die Leiter, stürzte ab und brach sich das Genick. In Schmieritz gab es seitdem keine privaten Garten- und Hoffeste mit Wildbret und Rauschebier mehr, was die Einwohner sehr betrübte. Die Moral von der Geschicht: Trinke auf dem Anstand nicht!