31.12.2020 Langeweile der Brexit und die Queen

Während ich diesen Artikel schreibe, steckt mir der Schock noch in allen Gliedern. Es ist unfassbar und ich bin moralisch entrüstet, wie noch nie. Als ich heute früh die aktuellen News im Internet aufschlug, war als eine der Headlines zu lesen: „Die Queen setzt Brexit-Gesetz in Kraft.“
Passend dazu illustrierten die Süddeutsche und die Tagesschau diese erschütternde Meldung mit einem Bild, welches die Queen im schwarzen Gewand zeigt, in symbolischer Trauerkleidung sozusagen. In der Bildzeitung dagegen sitzt sie im blauen Kleid am Schreibtisch. Wahrscheinlich wurde hier auf lebhafte Kontrastierung geachtet, um die Corona-Langweile, welche die Bevölkerung bedroht, zu bekämpfen.
Ein löbliches Unterfangen, das nicht genug gewürdigt werden kann. Was gemeinhin, und vor allem in den Zeiten prävalierender Lockdowns, verschwiegen wird, will ich hier nun kundtun: Die größte Geißel der Menschheit ist die Langeweile! Möge mein Ausruf auch ungehört verhallen, nicht nur mir ist diese Anschauung zu eigen. Bertrand Arthur William Russell schrieb einst: „Langeweile ist ein schweres Problem. Mindestens die Hälfte aller menschlichen Sünden erwächst aus der Furcht vor Langeweile.“
In seinem Werk Die Welt als Wille und Vorstellung bemerkte Schopenhauer zur Langeweile: „Fehlt es ihm [dem Menschen, Anm. d. Verf.] hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt; so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Daseyn selbst wird ihm zur unerträglichen Last. Sein Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langenweile, welche Beide in der That dessen letzte Bestandtheile sind.“
Ja, und in diesen Zeiten des verordneten Stubenarrests wird das Pendel in Richtung der Langeweile ausschlagen, bis es mit ihr kollidiert.
Doch zurück zum Ursprung unseres Gedankenpfades, zur Headline und dem Konterfei der Queen daneben. Bei der Betrachtung des Bildes, den Artikel auch noch zu lesen, war mir dann doch zu mühselig, also bei der Betrachtung des Bildes schlug meine Entrüstung in tiefe Traurigkeit um. Die Engländer haben uns verlassen, wie konnten sie nur. Die Undankbaren! Nun trennt uns von ihnen ein Kanal salzigen Wassers, wie einst der Hellespont Hero und Leander, oder das tiefe Wasser die beiden Königskinder. Alle Zuwendungen waren umsonst. Die Anreicherung unserer Sprache mit Anglizismen, selbst das Wembley-Tor. Alles umsonst. Die Amerikaner haben es in dieser Beziehung wahrscheinlich besser gemacht als wir. Sie haben gleich zu Beginn ihre ganze Sprache durch Anglizismen ersetzt. Jetzt sind sie und die Engländer beste Freunde.
Das alte Jahr wirft seine Schatten auf das neue Jahr und mir bleibt nur eines, meinen geneigten Lesern zu wünschen, bleiben Sie gesund! Stehen Sie die Zeit der Langeweile stoisch durch, wie einst Gary Cooper die Mittagsstunde. Haben Sie keine Angst vor dem Jahreswechsel. Er wird in einem infinitesimal kleinen Zeitpunkt passieren, für uns praktisch nicht spürbar. Weil das so ist, wurde ja überhaupt erst das Feuerwerk erfunden. Genauso, wie wir Nasen haben, damit wir Brillen aufsetzen können. Voltaire veröffentlichte diese Erkenntnis in seinem Candide schon 1759.

Ein gesundes neues Jahr!

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

Venus nach Botticelli Bleistift
Venus nach Botticelli Bleistift
Dieser Beitrag wurde unter Oberdistelbacher Causerien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.